Samstag, 31. März 2012

Leben im spanischen Knast - 1. Teil: Warum?

Ein halbes Jahr meines Lebens habe ich in einem Gefängnis im (laut Eingeborenen) sonnigsten Teil Spaniens verbracht. Kultur kennen lernen mal ganz anders. Vielleicht sollte ich damit beginnen, wie es überhaupt dazu kam. Nicht, dass eine entsprechende Relevanz vorliegen würde, jedoch möchte ich auch nicht, dass entsprechender Makel an mir haften bleibt.
Im Jahr 2004 arbeitete ich als Detektiv. Für einen Auftrag flog ich mit meinem Chef sowie einem weiteren Kollegen nach San Javier in Spanien. Laut unseren Informationen sollte sich dort ein deutscher Bauunternehmer aufhalten, welcher einige Personen aus Deutschland Geld für das Bauen von Wohnhäusern abgenommen hatte, jedoch nie für den dafür vorgesehenen Zweck benutzt hat. Der Schaden belief sich auf einige Millionen Euro. Ein Teil der Gläubiger hatte sich daher dazu entschlossen, uns zu entsenden, um diesen Herrn mal etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Zusätzlich beinhaltete unser Auftrag noch zusätzlich, dem Unternehmer eine Nachricht zu übermitteln, in der es hieß, er solle sich mit den deutschen Gläubigern in Verbindung setzen und erklären, wie es nun weiter gehen könnte.

Die Zielperson war relativ schnell gefunden, die Überwachung dauerte ungefähr eine Woche. Die Lebensverhältnisse der ZP entsprachen mehr oder weniger denen einer kaputten Existenz: Altes Auto, diverse kleinere Baustellen (zumeist Reparaturarbeiten), unauffälliges Eigenheim. Im Großen und Ganzen ein Routine-Auftrag mit einem fast schon erwartetem Ergebnis: Verspekuliertes Fremdgeld.

Wie auch immer, unserem Auftrag gemäß sprachen wir die ZP an und wurden von ihr auch in das Wohnhaus eingeladen. "Wir", das waren zu dem Zeitpunkt lediglich mein Arbeitskollege und ich. Unser Chef weilte derzeit wahrscheinlich an irgendeiner Strandbar oder so. Wir wurden also durch das Haus geführt (Inneneinrichtung wirkte aufgeräumt, bewohnt, nicht übermäßig exklusiv, eher einfach). Ein von ihm gewährter Einblick in seine Unterlagen erhärtete den Verdacht, dass das Geld tatsächlich aufgebraucht war - Grundstücke waren gekauft, Lieferanten und Arbeiter bezahlt - nur leider hatte sich einfach nichts auf den Baustellen getan.

Während ich noch die Unterlagen sowie die Eintragungen am Computer verglich, unterhielt sich mein Kollege noch mit der ZP. Die Stimmung wirkte eher gelöst, so wie es klang, war er recht froh, dass er sich "die ganze Geschichte mal von der Seele reden konnte". Nach Abschluss meiner Untersuchung stand für mich ebenfalls fest, dass dieser Mann unglücklich in diese Situation reingerutscht war. Ich klärte ihn über den Wunsch der Klienten auf, ein Gespräch zwischen beiden Parteien zu ermöglichen.

Aus Gründen, die ich noch immer nicht nachvollziehen kann, griff er mit einem Male zu einer Flasche und versuchte, mir eben jene auf meinen Kopf zu hauen. Naturgemäß habe ich prinzipiell etwas gegen eine solche Vorgehensweise, von daher sicherte ich den Verlust des Inhaltes vor dem Zerbrechen der Flasche, indem ich diese dem Angreifendem entwand (es handelte sich tatsächlich um eine recht teure Marke guten schottischen Whiskys).

Mein Arbeitskollege jedoch (gut zwei Köpfe größer als ich, knappe 60 Jahre alt) konnte damit wohl weniger gut umgehen. Während für mich diese Kurzepisode schon gelaufen war, holte er tatsächlich einen ausziehbaren Schlagstock aus der Tasche und begann, auf den Kerl einzudreschen. Ich gebe zu, dass ich im ersten Moment etwas irritiert war. Es gab einfach keinen Grund für diesen Gewaltausbruch. Jeglicher Versuch, deeskalierend zu wirken, verfehlte sein Ziel. Erst nach einiger physischer Anstrengung gelang es mir, meinen Kollegen von seinem Handeln abzubringen. Zu diesem Zeitpunkt war die ZP bereits nur noch ein blutendes Häufchen Elend. Ich schmiss als erstmal meinen Kollegen raus und versuchte, Erste Hilfe zu leisten.

Wie so oft in solchen Situationen denkt man sich "Schlimmer kann es nun ja kaum noch kommen". Und wie immer, wenn man diesen Gedanken hatte, kommt es doch schlimmer. So auch in diesem Falle und dann auch noch in Form der Mutter des Unternehmers. Eine Frau in den Siebzigern. An der Haustür klingelnd, mit Schlüssel bewaffnet, bereit, das Haus zu betreten. Mein Arbeitskollege - noch immer mit seinem Schlagstock bewaffnet - rannte wie von Sinnen die Treppe aus dem Keller hoch in Richtung Eingangsbereich. Ich entschloss mich, die Verfolgung aufzunehmen und ihn von noch Schlimmerem abzuhalten. Ein Blick in das Gesicht meines Kollegen ließ dann allerdings auch mich an den Rande einer Panik geraten. Ich entschloss mich in diesem Moment zur Flucht. Mit dem Kollegen am Kragen hinter mir herziehend.

Im Nachhinein gesehen natürlich auch nicht gerade das Intelligenteste, aber es schien mir das sicherste für alle Beteiligten. Man verzeihe mir meine Panik, die mich dann auch später bestrafte. Beim Vorfahren am Flughafen San Javier wurden mein Arbeitskollege, ich und dann später auch mein Chef verhaftet und in Gewahrsam genommen.

Da unsere Spanisch-Kenntnisse kaum ausreichend für eine vernünftige Unterhaltung war, bekamen wir einen dolmetschenden Anwalt zugeteilt, der es allerdings auch nicht wirklich schaffte, Licht ins Dunkle zu bringen. Erst später, als ich die Anklageschrift las, wurde mir bewusst, dass mangelnde Übersetzungskenntnisse des Anwaltes ihr übriges getan hatten, um einen Aufenthalt in Untersuchungshaft unumgänglich erscheinen zu lassen. Aber das ist wohl schon fast der Stoff für den zweiten Teil, den ich in Kürze folgen lassen werde.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen