Mittwoch, 16. Mai 2012

Leben mit den Zeiten

"Was also ist »Zeit«? Wenn mich niemand danach fragt, weiß ich es; will ich es einem Fragenden erklären, weiß ich es nicht."
[Augustinus von Hippo, Confessiones XI, 14]


Zeit ist unser kostbarstes Gut, wir leben praktisch darin, damit, dafür, dagegen. Immer linear. Die einzige Konstante in unserem Leben, die doch so anders sein kann. Bewegt der Zeiger sich doch immer in gleicher Geschwindigkeit, kommt es uns vor, als ob es das eine mal viel zu wenig Tage gibt, die Zeit "verfliegt" wie Schnee, der in der Sonne schmilzt, beim nächsten Mal aber ist die Zeit zäh, vergeht nicht und kommt einfach nicht zum Ende.
Überhaupt denke ich rückblickend auf meine Jugend, dass die Zeit so schnell vorbei war, die glücklichen Stunden der Kindheit so kurz, die Schulstunden dafür umso länger (ich hätte damals schwören können, dass manche Fächer 60 Minuten-Stunden hatten, andere aber nur 30-min-Stunden, so dass es am Ende nach durchschnittlichen 45-min-Stunden aussah). Sogar an den Tagen erkannte ich damals schon den Zusammenhang von kurzen Freizeit-Stunden und langen Schulstunden.

Das Berufsleben brachte neue, ganz andere "Zeitprobleme" mit sich. Mal stand man unter Strom, knapp bemessene Fristen im Nacken, immer unter Volldampf. Kurz darauf dann eine Phase voller Müßiggang und Freizeit. Vor allem während der Bundeswehrzeit lernte ich als Soldat, dass es meine Hauptaufgabe war zu warten. Entweder, dass es endlich los geht, dass etwas passiert, oder aber der umgekehrte Fall, dass endlich das Ende kommen möge. Und welchen Job auch immer ich gerade hatte, die Diskrepanz der Geschwindigkeiten von zur Verfügung stehenden Stunden und dem gewünschten Ziel (Freizeitgenuss oder Deadline im Job) blieb immer erhalten. Eine Konstante, die wenig konstant erscheint.

Das Privatleben ist allerdings noch schlimmer. Warten auf ein Ereignis - kindliches Warten auf Heilig Abend, der Anruf oder der Besuch der Geliebten, der Start von Parties, das Ende der Welt - ist das wohl schlimmste an "Zeitgefühl", das man haben kann. Wie oft stand ich als kleines Kind vor der Tür zum Wohnzimmer, wohlwissend, dass meine Mutter den Baum schmückte, ich jedoch noch mit dem Vater in die Kirche musste? Wie oft wartete man (manchmal vergebens) auf das Erscheinen der Kumpels, damit es losginge in das Feiern des Wochenendes? Und am allerschlimmsten: Wie nervös tigert man auf und ab, wartet man doch auf den Anruf der holden Weiblichkeit, schaut alle Viertelstunde auf die Uhr, die aus unerfindlichen Gründen aber nur 3 Minuten dauert?

Mit der Zeit entwickelte ich mein persönliches Zeitmanagement und erlernte den Umgang mit Terminen anders zu verarbeiten. Ein gewisser, allerdings nicht übertriebener Fatalismus kann übrigens hilfreich sein. Zeit und Termine sind nur dann wirklich klar, wenn man zurückblickt auf das, was war. Rückblickend ist Zeit auch viel linearer. Die Zeit der Zukunft jedoch bleibt immer eine Variable.

Die relative Zeit, die ich habe, nutze ich bestmöglich. Natürlich sehen manche Leute das anders, genauso wie ich diversen Menschen "Zeitverschwendung" unterstelle. Doch das ist der Punkt. Der Umgang mit der Zeit ist etwas sehr persönliches. Es ist objektiv nicht wertbar, wann etwas "in der richtigen Zeit" geschieht oder aber zum völlig falschen Zeitpunkt. Erst in der Zukunft sehen wir, ob unsere Entscheidung in der Vergangenheit gut für die Gegenwart ist/war.

Eine bekannte, mittlerweile aufgelöste, deutsche Rockband sang einmal im Refrain:
"Ein neuer Tag, neues Glück,
sieh' nach vorne, nie zurück,
denn gestern war heute noch morgen!
Ein neuer Tag, neues Glück,
was zählt, ist nur der Augenblick,
denn gestern war heute noch morgen!"
Dem kann wohl niemand wirklich widersprechen, denn was nützt es, wenn ich weiß, dass meine Entscheidung in der Vergangenheit falsch war? Ändern kann man sie eh nicht mehr. Der Wunsch, das Leben nochmal neu zu leben oder auch nur einen Moment, zur Zeit einer Entscheidung, ist nicht so leicht durchführbar, wie manch einer denkt. Die Situation, in der wir uns befinden, die uns eine Entscheidung abverlangt, wäre immer die Gleiche. Die äußeren Umstände sind unveränderbar. Das Denken, das "Ich", ist immer das Selbe. Somit ist die Wahl der Möglichkeiten eingeschränkt - auf eine Einzige. Die, die wir bereits getroffen haben. Die, die wir immer wieder treffen würden. In dem Moment kommt uns jede andere falsch vor. Später kann jeder sagen "Hätte ich mal anders entschieden..." - doch nein, man hätte nicht.

Lassen wir die kleine Exkursion zum Thema "Entscheidungen" damit als beendet erklären. Fakt ist, es ändert sich nichts. Jede Entscheidung hat einen Grund, jede Abzweigung im Leben hat seinen Sinn. Nicht immer erkennen wir sofort den Grund, das wird erst die Zeit zeigen. Es nützt also nichts, sich zu verbiegen, die Zeit besiegen zu wollen. Es bringt nichts, Dinge zu be- oder entschleunigen zu wollen. Wer noch immer meint, er müsse sich selbst unter Zeitdruck setzen, wird weniger vom Leben haben. Vor allem keine Zeit für sich, für seine Freunde, für seine Liebsten. Wie immer macht es die richtige Mischung - in diesem Falle aus Arbeits- und Freizeit. Und dummerweise (oder zum Glück?) für jeden Menschen anders.

Ich wünsche jedem, dass er sein perfektes Zeitmanagement findet, seine Zeit sinnvoll nutzen kann und vor allem eines: ein Leben, dass Rückblickend zeitlich gut genutzt war.

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